Männer

 

Meine beiden Männer liegen offenbar im Sterben.

Zumindest jammern sie so. Beide, der Kleine ist 14, der Große 40, liegen mit Fieber im Bett. Extrem hohe 38,6 °. Beide klagen über Kopf- und Gliederschmerzen. Das hält sie aber nicht davon ab, mich herumzuscheuchen.

„Ich brauche Tempotücher.“ – Die sind direkt neben dem Bett im Nachtschränkchen. Naja, stiefel ich halt die Treppe hoch und reich sie meinem Mann.

Kaum bin ich unten ertönt ein: „Mutti, ich habe Durst.“

Konnte er das nicht eine Minute früher sagen? Dann hätte ich mir den zweiten Aufstieg gespart.

Zurück in der Küche setze ich Wasser für eine Hühnerbrühe auf. Die hilft bei Erkältungen immer.

„Haben wir noch Grippetabletten?“, jammert eine Stimme aus der oberen Etage.

Ich schaue in den Medikamentenschrank. Es sind zwar noch welche vorhanden, aber fürs Wochenende werden sie nicht reichen.

Also stelle ich meinen Männern Getränke neben das Bett, verspreche, schnell zurück zu sein und fahre zur Apotheke.

„Die Grippe hat Sie ja voll erwischt. Sie sehen furchtbar aus. Legen Sie sich besser ins Bett“, meint die Apothekerin. Ich lächele sie nur schief an, zu mehr bin ich im Augenblick nicht fähig.

Dann noch in die Drogerie nebenan Taschentücher kaufen und schnell heim. Meine Männer warten.

„Machst Du mir mal was zum Inhalieren?“ Kaum habe ich die Haustür geöffnet, hat einer der Patienten neue Wünsche.

Wadenwickel, heiße Zitrone, Orangensaft einschütten, Kissen aufschlagen, Fieber messen, Medikamente verteilen – na ja, da komm ich wenigstens nicht dazu über meine Kopfschmerzen nachzudenken. Die werden immer schlimmer und schwindelig ist mir auch.

Zwischen Küche, Schlaf- und Kinderzimmer jage ich hin und her.

Einen Augenblick habe ich dann kurz an mich selbst gedacht und mir eine Grippetablette genommen und einen Kaffee eingeschüttet.

Der steht aber nach zwei Stunden immer noch neben der Spüle und ist mittlerweile kalt.

Neunzehn Uhr. Meine Füße tun weh, genauso wie mein Kopf und der übrige Körper.

Das Fieberthermometer zeigt 39,2° an. Also nicht so schlimm. Kam von alleine und wird von alleine gehen.

Die Türglocke klingelt. Meine Freundin steht strahlend vor mir. Mist. Wir wollten ins Kino. Hab ganz vergessen ihr abzusagen. Sie schüttelt nur den Kopf, als ich erkläre, dass meine Männer krank sind und ich sie pflegen muss. Sie meint, ich solle mich lieber selbst pflegen.

Dann geht sie wieder und meint, ich könne jetzt in Ruhe mein Mutter-Syndrom ausleben.

Die hat gut reden. Sie ist Single.

Noch einmal nach meinen Patienten gesehen – mein Kleiner ist schon wieder in der Lage mit dem Gameboy zu spielen, mein Mann hat aber noch immer diesen leidenden Gesichtsausdruck – und ich falle todmüde ins Bett.

Um 06:00 Uhr ist die Nacht vorbei.

Ich erwische meinen Sohn, wie er mit nackten Füßen zum Kühlschrank tapst. Müde ist er nicht mehr. Er hat ja den ganzen Tag im Bett gelegen.

Ich schicke ihn nach oben, damit er sich anziehen kann. Fieber hat er offenbar nicht mehr.

Mein Mann schnarcht laut vor sich hin. Seine Nase ist immer noch verstopft.

Im Badezimmer fällt mein Blick in den Spiegel.

Offenbar hab ich mich in der Nacht in einen Zombie verwandelt. Zumindest sieht das bleiche Gesicht mit den roten, dick angeschwollenen Augen so aus.

Keine Zeit darüber nachzudenken.

Mein Mann ist wach und ruft nach Taschentüchern – die liegen immer noch im Nachtschränkchen. Egal. Ich reiche ihm welche.

Er sieht immer noch sehr leidend aus, kann dann aber ins Wohnzimmer umgebettet werden.

Dankbar, dass ich nun nicht mehr Treppen steigen muss, bringe ich ihm eine heiße Zitrone. Er liegt, in Wolldecken eingepackt, auf dem Sofa und sieht sich eine Sportsendung an.

„Mutti? Wann gibt´s Mittag?“

Also wieder rein in die Küche, Hühnerbrühe für meinen Mann und Hühnersuppe mit Reis für meinen Kleinen.

Dann die Küche aufgeräumt, Spülmaschine eingeräumt, Orangensaft an die Meinen verteilt, Hühnersuppe….

Ich wache auf und weiß nicht, wo ich bin.

„Du machst aber auch Sachen“, höre ich die vorwurfsvolle Stimme meines Mannes von der Seite.

„Was ist passiert?“, frage ich erstaunt und blicke mich um. Es scheint, dass ich in einem Krankenhauszimmer liege.

„Grade haben sie gezeigt, wie Neuer einen Elfmeter gehalten hat, da höre ich aus der Küche ein lautes Scheppern. Du bist zusammengebrochen. Den Topf mit der Hühnersuppe hast Du fallengelassen. Ich hab sofort einen Krankenwagen gerufen, als ich Dich nicht wach bekommen hab. Der Arzt hier meinte, Du hättest einen Kreislaufzusammenbruch gehabt. Überanstrengung. Du hast einen schweren gippalen Infekt und hättest Dich schonen sollen. Warum hast Du nicht gesagt, dass es Dir nicht gut geht?“

„Das Du das nicht selbst gesehen hast…“ Meine Freundin kommt mit einem großen Blumenstrauß ins Zimmer und sieht meinen Mann vorwurfsvoll an. „Sie sah doch gestern schon aus, wie der Tod auf Urlaub.“

„Ich…“, stammelt mein Mann.

„Ist doch schon gut. Was macht Deine Erkältung?“, erkundige ich mich.

„Mir geht’s wieder gut. Fieber hab ich seit heute früh nicht mehr.“

Gott sei Dank. Dann hab ich jetzt Zeit mich zu erholen. Mir fallen die Augen zu.

Ende

Thema: Männer

Herzlich gelacht

Datum: 08.04.2012 | Autor: Riedel

Meine Freundin und ich sitzen hier und jubeln. Jemand der genau versteht, wie Männer sind. Super geschrieben und mit viel Witz! Tolle Geschichte.

LG Riedel

Geschichte

Datum: 13.06.2011 | Autor: Rebecca

Eigentlich sollte ich längst im Bett liegen. Aber Deine Geschichtn sind zu schön. Ich werd mir wohl die Nacht um die Ohren schlagen und alle Geschichten lesen.
LG
Rebecca

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